Offener Brief an meine Mutter

Dieses wird eine offene Abrechnung mit meiner Mutter, auch wenn sie diese Zeilen niemals lesen wird.

Als ich ein Kind war, hattest Du es sehr schwer. Als alleinerziehende Mutter in den 70ern und 80ern des vergangenen Jahrhunderts hast Du, unbeachtet der Gründe der Trennung, auch mit der Gesellschaft zu kämpfen. Mir wurde später erzählt, dass Du mich als Kind misshandelt hast. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, erscheint mir aber der Tatsache, dass ich extreme Bindungsängste über viele Jahre hatte, glaubhaft.

Du hast mir Werte beigebracht, die ich heute lebe. Auch die Worte Bitte, Danke und Entschuldigung sind keine Fremdworte für mich. Ich vergesse nicht, wie ich 4 oder 5 war. Du konntest den Strom nicht zahlen, wir saßen im Flur bei Kerzenlicht und Du mir das letzte trockene Brot zu essen gabst, danach war unser Essen alle. Du hast mir in schweren Zeiten beigestanden, z.B. als ich meine Diabetes-Diagnose bekam und erst einmal eine Welt für mich zusammenbrach. Damals sagte ich: „Ab jetzt kümmere ich mich um mich und mein Privatleben.“ Und das tat ich dann auch. Ohne über Leichen zu gehen, aber mich meiner Verantwortung für mich bewusst.

Du hast die Wichtigkeit dieses Vorgehens leider nicht verstanden. Konntest nicht verstehen, dass eine Änderung der Priorität von dir zu mir, die schon Jahre früher hätte stattfinden müssen, nicht gleichzeitig bedeutet, dass Du mir nicht mehr wichtig bist. Das bedeutete lediglich, dass ich mir nicht mehr unwichtig bin.

Auch wenn jetzt sehr viel Negatives passiert ist, bist und bleibst Du meine Mutter. Ich werde dich nicht hassen, aber habe auch keine positiven Gefühle mehr für dich. Ich fand eine Frau und eine Familie, die ich liebe. Doch leider hast Du nicht zu mir gestanden, sondern uns regelrecht bekämpft. Hast dich wie eine betrogene Ehefrau benommen, obwohl ich dein Sohn, nicht dein Mann bin. Meine neue Lebensgefährtin ließ sich nicht von alle dem abschrecken, hat zu mir gehalten, weil ich ihr wichtig bin.

Es wäre ok und legitim gewesen, wenn Du sie nicht gemocht hättest. Schließlich ist sie meine Freundin und nicht deine. Aber von der eigenen Mutter kann ich verdammt noch einmal erwarten, dass sie zumindest respektiert wird als Teil von mir. Du hattest zuletzt genau 2 soziale Kontakte. Mich und meine Oma. Oma ist vor ca. 1 Jahr gestorben im Alter von 93. Der andere war ich. Also vermute ich, dass Du ganz allein in deinem Hass gegen mich lebst.

Mir ist bewusst, dass ich in deinen Augen der Schuldige bin und Du das auch allen erzählst, die dir zuhören. Ob das wirklich deine Meinung ist oder Du dich hier selber belügst, weil es für dich bequemer ist, die Schuld bei mir zu suchen, weiß ich nicht. Letztendlich ist das auch nicht wirklich relevant, da die Personen, die mich kennen, es eh‘ besser wissen.

Gegenüber Oma hast Du immer die Kollektivschuld auf dich genommen. Ich dagegen war immer an allem Schuld. Bevor unser Bruch kam, sagte ich noch in weiser Voraussicht: „Es wird der Tag kommen, an dem wir zerstritten sind, und ich werde der Schuldige für dich sein.“

Von den mehreren tausend Euro, die Du unterschlagen hast, dem Ersparten meines ganzen Lebens, will ich gar nicht anfangen. Das Geld war geplant, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Das habe ich jetzt auch, obwohl ich arm bin. Leider konnte ich nicht nachweisen, dass es mein Geld war, denn es war Bargeld. Es ist weg.

Auf Twitter habe ich neulich gelesen: „Viele warten auf einen Wendepunkt in ihrem Leben, und dann, wenn er kommt, wenden sie nicht.“ Als er in meinem Leben kam, habe ich gewendet. Mit allen Risiken. Ich habe sehr viel materielles verloren. Aber sehr viel immaterielles gewonnen. Im Nachhinein kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, trotz des Verlustes.

Bleibt mir nur, diesen Brief zu schließen und zu hoffen, dass Du Frieden finden und ein neues Leben auf die Beine stellen wirst, wie ich es getan habe. Ich danke dir dafür, dass Du mir das Leben geschenkt hast und mich zu einem guten Menschen erzogen hast. Wir beide werden uns aller Voraussicht nach nie mehr sprechen oder wiedersehen.

Vielleicht muss es so sein.

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7 Gedanken zu “Offener Brief an meine Mutter

  1. Lieber Alex, ein toller offener Brief. Ich habe auch einen Brief an meinen (toten) Vater geschrieben. Es hat mir sehr geholfen, da es von meiner Seite einiges zu sagen gab. Auch wenn sie deine Mutter ist, darfst du sagen was du denkst und fühlst und du musst auch mit ihr nicht einer Meinung sein. Und du musst dich ihrer Vorgehensweise auch nicht unterordnen.
    Das Gute, du kannst dich scheinbar an mehr Gutes als an das Schlechte erinnern. Und das Beste, du hast dir deinen eigenen Weg gesucht und bist jetzt glücklich.
    Ich freue mich sehr für dich.
    Lass die Vergangenheit hinter dir und schau nach vorne.

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