Michael Jackson oder: Warum die Kindheit so wichtig ist

Die Kindheit prägt uns. Und sie ist enorm wichtig. Erwachsene, die keine (echte) Kindheit hatten, holen sie nach. Immer! Sei es durch kindliches Verhalten oder das spielen mit der Eisenbahn des Sohnes. Sie prägt uns auf allen Ebenen. Sei es auf den ersten, flüchtigen Blick auch noch so nebensächlich.

Da ist der Vater, dessen Beruf ihn glücklich macht und den gleichen Beruf wird später der Sohn ergreifen. Da ist auch die umgekehrte Prägung, wenn die Eltern Kleptomanen sind und das Kind Polizist wird. Von dem Verhalten der Eltern untereinander ist u. A. die soziale Prägung abhängig.

Meine eigene Kindheit war geprägt von Schüchternheit und Außenseitertum. Meine Farbsehschwäche war ein gefundenes Fressen für andere Kinder, mich fertig zu machen. Ständig wurde ich gefragt „Was ist das für eine Farbe?“ Und wenn ich antwortete, haben alle gelacht. Ich war ein Opfer und aufgrund meiner damaligen Unfähigkeit, mich zu wehren, eine leichte Zielscheibe des Spottes. Ich habe es sogar erlebt, wie mein damaliger bester Freund sich auf die Seite der anderen Kinder schlug. Vermutlich war es für ihn einfacher, ein Täter zu sein, als sich immer und überall dem Spott zu erwehren.

Irgendwann habe ich diese Scheu abgelegt und mich mit Typen angelegt, mit denen sich keiner anlegen wollte. Die Schläger auf der Schule. Ok, die Raufereien (eh nicht vergleichbar mit der heutigen Zeit) habe ich zwar verloren, aber Respekt gewonnen. Ich war kein leichtes Opfer mehr und wurde in Ruhe gelassen. Außenseiter aber blieb ich trotzdem.

Vor einiger Zeit habe ich mit einem Freund ein Kind gedisst. War nicht bösartig, aber das schaukelte sich hoch, das Kind war getroffen und verletzt. Ich fragte mich: „Wann bist du vom Opfer zum Täter geworden? Du weißt es am besten, wie er sich jetzt fühlt!“ Das Kind und ich haben uns ausgesprochen und den Vorfall aus der Welt geschafft.

Auch wenn manche Menschen Michael Jackson als Kinderschänder sehen: In meinen Augen ist er es nicht.

Er hatte keine richtige Kindheit, denn: Vermutlich war er kein Kind, dass mit der Schaufel im Sandkasten gespielt hat. Er wurde von klein auf auf ein Bühnenleben getrimmt. Stichwort: Jackson 5. Sein Vater und die älteren Brüder hatten keine Skrupel, Groupies auf’s gemeinsame Zimmer zu holen und vor den Augen des deutlich minderjährigen Kindes Sex zu haben. Mit diesen Vorfällen war seine Kindheit vorbei.

Als Erwachsener wollte er sich diese zurückholen. Mit dem Bau der Neverlandranch. Für manche Eltern war es verständlicherweise suspekt, dass ein erwachsener Mann mit Kindern abhängt. Für mich aber nachvollziehbar.

Die (vermutliche) Scheinehe mit Lisa Marie Presley sollte eine Win-Win-Situation sein. Er wollte als Erwachsener wahrgenommen werden und sie aus dem Schatten ihres Vaters treten. Geholfen hat es keinem von beiden. Irgendwie wurde es eine Lose-Lose-Situation. Also flüchtete Michael sich wieder in seine nachgeholte Kindheit.

Das er auf die erste Anklage wegen Kindesmißhandlung mit einer Zahlung reagierte, ist für mich kein Beweis seiner Schuld, sondern seiner Unschuld. Er wollte zahlen, bevor er mehr Schaden nimmt. Irgendwann ist man nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt.

Auf die Art das schnelle Geld zu verdienen, kamen dann auch andere, die sagten „Mein Kind wurde misshandelt“. Den Prozess zu der weiteren Anklage hatte er dann ausgetragen und wurde freigesprochen. Aber der Schaden war auf andere Art und Weise enorm. Die Kindheit wurde ihm ein zweites Mal genommen. Man konnte ihm beim zerfallen zusehen, die Musik, in die er sich flüchtete, „seine“ Bühne, war kein Ersatz.

R.I.P. Michael. In meinen Augen warst Du der ärmste und einsamste Mensch unter der Sonne. Mögest Du im Himmel mit Bauklötzen und Dreirädern spielen, wie es dir auf Erden vermutlich nicht vergönnt war. Ohne schief angesehen zu werden.