Als Erwachsener verlernt

In letzter Zeit habe ich oft darüber nachgedacht. Kinder müssen auf dem Weg, Erwachsene zu werden, so viel lernen. Sei es etwas elementares wie Rechnungen bezahlen. Sobald die Schulzeit vorbei ist, ist auch der Welpenschutz irgendwo vorbei. Der „Ernst des Lebens“ beginnt. Wobei viele ja schon sagen, dieser beginnt mit der Schulzeit, aber ich habe dazu eine andere Meinung.

Wie auch immer: Kinder haben Eigenschaften, die wir verlernt haben. Auch die Interaktionen mit anderen Menschen werden mit mehr Erfahrung und Wissen nicht leichter, sondern schwerer. Unsere Erfahrung mit anderen Menschen und die Wechselwirkung auf uns selber macht uns die Entscheidung, wie wir etwas angehen, verdammt schwer. Es gibt den Choleriker, den Verständnisvollen, die Diva, … Und jeder reagiert anders.

All diese Unwägbarkeiten lassen es uns schwer werden, zu handeln. Wohl dem, der sich entscheidet und sich dabei treu bleibt. Konsequenzen Konsequenzen sein lässt, dabei er selber bleibt und dabei riskiert, einen möglichen Verlust einzugehen.

Werfen wir einen Blick auf das, was Kinder Erwachsenen voraus haben:

  • Unbeschwertheit

„Ich dachte, Du spielst nicht mehr mit …?“ „Das war doch gestern.“ Genau das können wir von unseren Kindern lernen, im Hier und Jetzt zu leben und unbeschwert zu sein. Denn was nützt es uns, in einem schönen Moment an unangenehme, vergangene oder zukünftige Ereignisse zu denken? Wenn dich solche Gedanken belasten, dann atme tief durch und wiederhole den Satz: „So blöd es auch ist, ich kann es nicht ändern und werde mir meine Laune nicht davon verderben lassen.“

  • Im Jetzt leben, den Moment genießen

Dieses Thema ist eng verknüpft mit dem ersten Thema. Kinder genießen den Moment, leben im Jetzt, ohne groß nachzudenken, was sein wird oder was war. Viel an der kindlichen Unbeschwertheit ist uns Erwachsenen verloren gegangen. Was ja auch nachvollziehbar ist. Als Erwachsener lässt es sich nicht mehr so einfach völlig unbeschwert sein: berufliche Anforderungen, Verpflichtungen, Verantwortung für die Familie etc.

Erwachsene grübeln gerne. Wir bereuen unsere Vergangenheit, fürchten unsere Zukunft und verschwenden viele Gedanken für Dinge, die wir nicht mehr ändern können. Wie viel Zeit verwenden Kinder wohl für solche Gedanken? Gar keine! Kinder leben im Moment. Natürlich fiebern sie auch mal großen Ereignissen entgegen, aber der Vergangenheit hängen sie kaum nach.

Achtsamkeit ist zurzeit das große Thema. Um zu lernen, im Hier und Jetzt zu leben und den Alltag zu entschleunigen, besuchen wir Workshops und teure Seminare. Dabei ist es eine Kunst, die wir als Kinder perfekt beherrscht haben! Stundenlang an einem Legohaus basteln, Bilder malen, die Schwerelosigkeit des Wassers spüren – Kinder können sich in die Dinge, die sie tun, vertiefen. Dabei ist es ihnen egal, ob dabei etwas Sinnvolles herauskommt oder ob etwas anderes liegen bleibt. Und sie brauchen nicht mal einen Meditationskurs dafür. Also, versucht es auch mal: Vergesst die To-Do-Liste und tut wenigstens einmal am Tag ganz bewusst etwas, worauf ihr Lust habt. Am besten mit den Kindern zusammen!

  • Neugierde

Kinder sind neugierig, auch auf Dinge, die für uns „Große“ selbstverständlich erscheinen. Kinder probieren aus, testen aus, hinterfragen Sachen, die uns selbstverständlich erscheinen. Beispiele gefällig?

„Warum ist der Himmel blau?“ „Warum ist Wasser nass?“

Was habt ihr gestern auf dem Weg zur Arbeit gesehen? (Mal abgesehen von dem Idioten, der euch die Vorfahrt genommen hat.) Ein schönes Blatt, das auf dem Weg lag? Einen Lichtstrahl, der sich in einer Pfütze spiegelte? Einen merkwürdigen Käfer mit langen Fühlern? Nein, vermutlich nicht. Wenn wir ehrlich sind, bewegen wir uns meistens total blind durch die Gegend. Wir kommen zwar da an, wo wir wollen, aber verpassen dabei die vielen interessanten und schönen Dinge, die es in unserer Umwelt gibt. Kinder sehen sie, denn für sie sind sie neu. Aber was spricht denn dagegen, sie mit ihnen wieder neu zu entdecken?

  • Die eigenen Grenzen austesten

Kinder lassen sich ungern erzählen, was sie nicht können oder dürfen. Es ist schwer, sie davon abzuhalten, einen wackligen Baum zu erklimmen oder von einer hohen Mauer zu springen. Sie haben wenig Angst vor Herausforderungen, probieren alles einfach aus und lernen ihre eigenen Grenzen kennen – auch wenn das manchmal weh tut.

Was hast Du zu verlieren? Klar kannst Du scheitern, aber wenigstens kannst Du dir niemals vorhalten, es nicht mindestens versucht zu haben.

  • Mit der Fantasie spielen

Wie oft werden im Beruf und im Alltag kreative Lösungen von einem gefordert? Hierfür kannst Du einiges von Ihren Kindern lernen, denn nichts ist für sie natürlicher, als das spielen. Die Kleinen fantasieren stundenlang und erschaffen ganze Welten in ihrem Kopf. Wäre es nicht toll, diese Fähigkeit auch noch als Erwachsener zu besitzen? Das geht ganz einfach – Spiele! Denn dabei wird die Fantasie ordentlich angekurbelt. Das hilft, abstrakt zu denken und neue Lösungswege zu entdecken.

  • Hilfe suchen und annehmen, wenn man sie braucht

Kinder laufen schnell zu Eltern, Lehrern oder Verwandten, wenn ihnen etwas nicht gelingt. Sie fordern Hilfe ein und bekommen sie meist auch. Je älter wir werden, desto größer wird unser Anspruch, alles selber zu machen. Aber wer erlegt uns diese Last eigentlich auf? Warum fällt es uns so schwer, zuzugeben, wenn wir etwas nicht allein schaffen?

  • Abschalten und einfach nur Spaß haben

Suche dir eine Tätigkeit, die dir Spaß macht. Sei es Sport, Handarbeit oder ein Buch – Hauptsache Du bist glücklich. Versuche, abzuschalten und sich nur auf das Hobby zu konzentrieren. Das erfordert anfangs etwas Übung, aber in der Hektik des Alltags ist es wichtig, loszulassen und manchmal nur für den Moment zu leben.

  • Fremden mit Offenheit begegnen

Wir haben viele Vorurteile, ob wir das zugeben wollen oder nicht. Diese voreiligen Schlüsse basieren auf Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben und beeinflussen uns ganz unterbewusst. Meist sind sie aber nur Steine, die uns im Weg liegen. Bevor wir diese Vorurteile auf unseren Nachwuchs übertragen, begegnen die Kleinen neuen Menschen komplett unvoreingenommen und interessiert. Besonders, wenn die fremde Person äußerlich ganz anders aussieht als wir. Wenn wir von unseren Kindern lernen, offen auf andere zuzugehen, eröffnet uns das wohlmöglich viele Chancen – neue Freunde, berufliche Kontakte, wer weiß? Wenn Du das nächste Mal beim Sportkurs, auf dem Spielplatz oder beim Einkaufen in ein Gespräch verwickelt werden, seie offen und versuche, die neue Person kennenzulernen. Möglicherweise ergibt sich ein wertvoller Kontakt oder einfach eine neue, erfrischende Perspektive.

  • Interesse an digitalen Medien und neuen Technologien

Es ist verblüffend, dass selbst Kleinkinder in Sekundenschnelle unsere ausgefuchste Bildschirmsperre überwinden. Während Mama und Papa noch Gebrauchsanweisungen studieren, nutzen Kinder Smartphones, Tablets etc. ganz selbstverständlich. Diese Neugier auf Neues und die schnelle Auffassungsgabe ist beeindruckend.

Vielleicht können wir uns diese natürliche Affinität zur neuen Technik nicht auf die Schnelle von unseren Kindern abschauen, aber wir können von ihnen lernen – und zwar wortwörtlich. Lassen Sie sich alles Neue haarklein von Ihrem Nachwuchs erklären. Seie interessiert und verteufel die neuen Technologien nicht. Das kommt beiden Seiten zu Gute. Schließlich platzen die Kleinen vor Stolz, wenn sie ihren Eltern etwas beibringen können.

Noch ein Gedanke in eigener Sache. Ich lese gerade ein Buch „Durch Begegnungen wachsen“. 

Es ist ein interessantes Buch, was an vielen Stellen dazu führt, dass man reflektiert, über sich selber nachdenkt. Ich denke, auch wenn hier in meinem Blog die „Merksätze“ fehlen, könnte es ein wenig durch den Stil beeinflusst sein. Jedenfalls habe ich mir beim Schreiben auch viele Gedanken über mich selbst und Kinder allgemein gemacht, so dass ich sie an manchen Stellen durchaus mit anderen Augen sehe.

 

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Michael Jackson oder: Warum die Kindheit so wichtig ist

Die Kindheit prägt uns. Und sie ist enorm wichtig. Erwachsene, die keine (echte) Kindheit hatten, holen sie nach. Immer! Sei es durch kindliches Verhalten oder das spielen mit der Eisenbahn des Sohnes. Sie prägt uns auf allen Ebenen. Sei es auf den ersten, flüchtigen Blick auch noch so nebensächlich.

Da ist der Vater, dessen Beruf ihn glücklich macht und den gleichen Beruf wird später der Sohn ergreifen. Da ist auch die umgekehrte Prägung, wenn die Eltern Kleptomanen sind und das Kind Polizist wird. Von dem Verhalten der Eltern untereinander ist u. A. die soziale Prägung abhängig.

Meine eigene Kindheit war geprägt von Schüchternheit und Außenseitertum. Meine Farbsehschwäche war ein gefundenes Fressen für andere Kinder, mich fertig zu machen. Ständig wurde ich gefragt „Was ist das für eine Farbe?“ Und wenn ich antwortete, haben alle gelacht. Ich war ein Opfer und aufgrund meiner damaligen Unfähigkeit, mich zu wehren, eine leichte Zielscheibe des Spottes. Ich habe es sogar erlebt, wie mein damaliger bester Freund sich auf die Seite der anderen Kinder schlug. Vermutlich war es für ihn einfacher, ein Täter zu sein, als sich immer und überall dem Spott zu erwehren.

Irgendwann habe ich diese Scheu abgelegt und mich mit Typen angelegt, mit denen sich keiner anlegen wollte. Die Schläger auf der Schule. Ok, die Raufereien (eh nicht vergleichbar mit der heutigen Zeit) habe ich zwar verloren, aber Respekt gewonnen. Ich war kein leichtes Opfer mehr und wurde in Ruhe gelassen. Außenseiter aber blieb ich trotzdem.

Vor einiger Zeit habe ich mit einem Freund ein Kind gedisst. War nicht bösartig, aber das schaukelte sich hoch, das Kind war getroffen und verletzt. Ich fragte mich: „Wann bist du vom Opfer zum Täter geworden? Du weißt es am besten, wie er sich jetzt fühlt!“ Das Kind und ich haben uns ausgesprochen und den Vorfall aus der Welt geschafft.

Auch wenn manche Menschen Michael Jackson als Kinderschänder sehen: In meinen Augen ist er es nicht.

Er hatte keine richtige Kindheit, denn: Vermutlich war er kein Kind, dass mit der Schaufel im Sandkasten gespielt hat. Er wurde von klein auf auf ein Bühnenleben getrimmt. Stichwort: Jackson 5. Sein Vater und die älteren Brüder hatten keine Skrupel, Groupies auf’s gemeinsame Zimmer zu holen und vor den Augen des deutlich minderjährigen Kindes Sex zu haben. Mit diesen Vorfällen war seine Kindheit vorbei.

Als Erwachsener wollte er sich diese zurückholen. Mit dem Bau der Neverlandranch. Für manche Eltern war es verständlicherweise suspekt, dass ein erwachsener Mann mit Kindern abhängt. Für mich aber nachvollziehbar.

Die (vermutliche) Scheinehe mit Lisa Marie Presley sollte eine Win-Win-Situation sein. Er wollte als Erwachsener wahrgenommen werden und sie aus dem Schatten ihres Vaters treten. Geholfen hat es keinem von beiden. Irgendwie wurde es eine Lose-Lose-Situation. Also flüchtete Michael sich wieder in seine nachgeholte Kindheit.

Das er auf die erste Anklage wegen Kindesmißhandlung mit einer Zahlung reagierte, ist für mich kein Beweis seiner Schuld, sondern seiner Unschuld. Er wollte zahlen, bevor er mehr Schaden nimmt. Irgendwann ist man nur noch mit Schadensbegrenzung beschäftigt.

Auf die Art das schnelle Geld zu verdienen, kamen dann auch andere, die sagten „Mein Kind wurde misshandelt“. Den Prozess zu der weiteren Anklage hatte er dann ausgetragen und wurde freigesprochen. Aber der Schaden war auf andere Art und Weise enorm. Die Kindheit wurde ihm ein zweites Mal genommen. Man konnte ihm beim zerfallen zusehen, die Musik, in die er sich flüchtete, „seine“ Bühne, war kein Ersatz.

R.I.P. Michael. In meinen Augen warst Du der ärmste und einsamste Mensch unter der Sonne. Mögest Du im Himmel mit Bauklötzen und Dreirädern spielen, wie es dir auf Erden vermutlich nicht vergönnt war. Ohne schief angesehen zu werden.

Patchworkfamilie vs Pubertät

Ich beneide Eltern um das Gefühl, die Schwangerschaft vom ersten bis zum letzten Tag zu erleben. Daran teilzuhaben und den eigenen Neugeborenen in den Händen zu halten, das blieb mir leider verwehrt.

Meine Freundin und ich können keine Kinder bekommen. Es geht aus organischen Gründen nicht. Aber ich bin kein Mensch, der das „Warum“ hinterfragt. Es gibt auf „Warum-Fragen“ auch keine Antworten. Es ist so!

Mein bester Freund Robert und seine Frau Nicole erwarten Zwillinge. Ich gönne ihnen von ganzen Herzen ihr Glück und schaue doch etwas wehmütig in das gestaltete Kinderzimmer, dass nur noch auf die Niederkunft der Zwillinge wartet.

Kindererziehung ist kinderleicht? Sicher nicht. Zugegeben, ich kann da nicht umfassend mitreden, denn ich habe die Geburt, die frühen Jahre der Kinder verpasst. Mit der Beziehung zu meiner jetzigen Freundin bin ich direkt zu einem Teenager gekommen, der noch zu Hause wohnt und gerade in die Pubertät kommt. Dazu kommt noch eine Tochter, die zwar schon auf eigenen Füßen steht, aber noch in der Pubertät ist.

Aber was bedeutet Kindererziehung heutzutage? Es gibt hunderte, tausende an Erziehungsratgebern, die optimale Ernährung, Frühförderung. Jeder, auch kinderlose, reden mit, geben mehr oder weniger gute Ratschläge. Manchmal denke ich, ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung. Ehrlich gesagt, mich würde dieses Überangebot an Ratgebern, ob man sie haben will oder nicht, eher lähmen als beflügeln.

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber wir sind auch alle groß geworden. Ohne Frühförderung, wo einem erzählt wird, dass jeder Bengel, der das Klavier zerlegt, der neue Mozart ist. Aus den meißten von uns sind vernünftige Menschen geworden, die sich nun selbst der Aufgabe gegenübersehen, ein Kind oder mehrere aufzuziehen. Und das ist eine gewaltige Aufgabe!

Über viele Jahre war ich Single. Mehr oder weniger von Heute auf Morgen wurde ich eine Art Familienvater. Mit einem pubertierenden Kind und zwei Hunden. Ich musste sofort erwachsen werden, was ich aber ganz gut geschafft habe. Und das Gefühl einer Familie möchte ich nie wieder missen.

Was mir manchmal zu schaffen macht, ist die Sprunghaftigkeit der Kinder. Eben noch gut gelaunt. Dann lief irgendeine Sache nicht nach ihrer Nase. Und schon hängt der Haussegen gewaltig schief. Falls ich selber so war, schulde ich meiner Mutter eine Entschuldigung!

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, wonach sich bei Jugendlichen in der Pubertät die Gehirne neu „verkabeln“. Also heißt es bei dem Satz „Du bist nicht mein Vater“ ruhig zu bleiben. Und für mich bedeutet das, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das verletzt. Das ich nicht der Vater bin, weiß ich selber. Ich will es auch nicht sein. Lege keinerlei Wert darauf, so genannt zu werden. Was ich sein will, ist die männliche Bezugsperson, die ich als Scheidungskind nicht hatte. Nicht der Vater sein, aber eine Vaterrolle zu übernehmen. Für den Jungen da zu sein, wenn er mich braucht.

Vielleicht kennen das die Leserinnen ja auch, die eine Patchworkfamilie haben. Natürlich ist es schwer, jemand neues in der Familie zu integrieren. Für das Kind ist es schwer, wenn Mutter einen neuen Freund hat. Ich kann auch nachvollziehen, wenn eine Beziehung daran scheitern würde, wenn das Kind den neuen Freund der Mutter nicht akzeptiert. Das Kind geht vor, keine Frage.

Eben aus dem Grunde bin ich froh, dass bei uns alles mehr oder weniger glatt lief. Die Mutter liebt mich, das Kind auch, die Hunde sowieso. Also heißt es, ab und zu über die Zickereien hinwegzusehen und mich daran zu erinnern, dass ich auch mal in der Pubertät war.

 

 

Kindheit – Gestern und heute und über den Umgang mit sozialen Medien

Wenn man die heutige Kindheit betrachtet, ist es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, erwachsen zu werden.

Wir hatten kein Handy, kein Internet oder WhattsApp. Kein GPS, unsere Eltern wussten nicht, wo wir waren, bis wir nach Hause kamen. Um Freunde zu treffen, haben wir uns in der Schule verabredet oder sind einfach mit dem Fahrrad hingefahren und haben die Mama von … gefragt, ob der … da ist. Wir haben noch gelernt, “Bitte”, “Danke” und “Entschuldigung” zu sagen. Wenn Erwachsene geredet haben, hatten wir Sendepause. Ein blauer Fleck wurde gekühlt, nicht gleich ein MRT gemacht. AD(H)S gab es noch nicht, dafür eher eine Backpfeiffe (und keine Anzeige wegen Kindesmisshandlung deswegen). Wenn es eine Rauferei gab, kamen keine Waffen zum Einsatz und sogar Mädchen sind dazwischen gegangen, wenn es heftig wurde.

Heute wird eher mit Handy ein Video gemacht und quasi in Echtzeit auf Youtube hochgeladen. Wer sich früher heroenhaft dem Stärkeren gestellt hat, wird heute ein “Opfer”. Wir hatten vor Erwachsenen und dem Eigentum anderer Respekt. Opfer von echten Misshandlungen und Vergewaltigungen oder Gewalt gab es weniger, oder ist das nur die Wahrnehmung, weil heute immer ein Bild, ein Video per Handy gemacht wird und sich alles in Windeseile über Youtube, Facebook, Twitter und Co. verbreitet?

Überhaupt, die heutige Generation ist wirklich komplett anders als früher. Und das kann jeder erkennen. Denn: Früher mussten wir ins Haus reingeholt werden. Wir sind noch auf Bäume geklettert, haben im Dickicht verstecken gespielt, uns auf der Obstbaumwiese an frischem Obst satt gegessen. Ins Haus sind wir nur für unsere Lieblingsserie gegangen. Bei mir war das Captain Future. Heute läuft der Fernseher und/oder PC und/oder Handy gleichzeitig und eine Pizza ist im Ofen am backen. Und wir Erwachsenen sind froh, wenn die Kinder das Haus mal verlassen.

In der heutigen Zeit ist vieles zu kurzlebig. Musikkünstler feiern grandiose Erfolge und sind genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwunden. Ich kann teilweise die Lieder meiner Kindheit noch mitsingen. Wir hatten 3 Fernsehkanäle, nicht 300+. Ich bin damals, wie alle anderen auch, zum Fernseher gegangen, um umzuschalten. Telefone waren mit Drehscheiben und fest an einem Kabel in der Wand. Ich bin älter als das Internet, für den Sohn meiner Freundin unfassbar.

Ich verschließe mich keinesfalls gegen den Fortschritt. Schließlich nutze ich auch genug der modernen Quellen. Mir hätte es in meiner Schulzeit geholfen, wenn ich meine Informationen auch per Google oder Wikipedia hätte suchen können. Nun, das gab es damals noch nicht. Ich werfe der heutigen Generation keinesfalls vor, die Möglichkeiten auszunutzen. Allenfalls den zu sorglosen Umgang damit, denn wie heißt ein vielzitierter Spruch: “Das Internet vergisst nicht.” Ist es dem 25jährigen, der sich um einen Job bemüht, wohl noch recht, dass ein Video von einer Schaumparty, als er 17 war, von seinem potentiellen Chef gesehen wird?

Was bedeutet der Umgang mit sozialen Medien also an Eigenverantwortung? Obwohl ich mittlerweile Ü40 bin, bin ich bei Facebook und Co noch nicht so lange. Bei Facebook bin ich seit 2012, bei Twitter seit 2016, am bloggen seit ein paar Tagen. Mein erstes Smartphone hatte ich 2015. Anfangs war ich begeistert über Facebook. Habe einige ehemalige Freunde wiedergefunden und weiß jetzt, warum sie das sind: ehemalig. Durch meine Diabeteserkrankung habe ich in einer Gruppe einige neue Freunde gefunden, eine gute Freundin habe ich auch tatsächlich in der Realität kennen- und mögen gelernt.

Durch eigene Verfehlungen habe ich auch Negatives auf Facebook erlebt. Ich hatte Teile meiner Familie gefunden, von denen ich nie was gewusst habe. Hintergrund ist der, dass ich Scheidungskind bin und die neue Familie vaterseits erst mit dem Wiedersehen von Vater kennen gelernt habe. Wobei kennen gelernt ist zuviel gesagt. Ich habe 3 Halbgeschwister, 1 Bruder und 2 Schwestern. Der Bruder wollte mich bisher nicht kennen lernen, eine Schwester kenne ich nur von Facebook und eine persönlich, habe aber seit dem kennen lernen keinen Kontakt mehr.

Was ich nicht bedacht habe: Die drei sind zusammen aufgewachsen und haben ihre Bindung untereinander. Ich bin ein Fremdkörper. Und das habe ich zu spüren bekommen. Ich wollte zu schnell zu viel Kontakt, geendet hat es in einem Streit, der auf Facebook ausgetragen wurde, was ich im Nachhinein bedauere, denn jeder konnte es lesen, der befreundet war. Immerhin hatte ich bedacht, Beiträge nicht öffentlich zu machen.

Nun, ich konnte es nicht ändern was passiert ist, nur für die Zukunft draus lernen. Bei Twitter habe ich mich dann aus sowas raus gehalten. Auch, weil ich gelernt habe und die 140 Zeichen eh keine Plattform für große Streitgespräche ist. Bloggen nutze ich erst, seitdem ich meine eigenen Erfahrungen mit den jeweiligen sozialen Medien habe und glaube, ich kann verantwortungsvoll damit umgehen.

Aber ich will auch nicht nur negatives über Facebook sagen, denn immerhin habe ich die große Liebe meines Lebens und eine gute Freundin dadurch gefunden. Partnersuche über Internet ist in Zeiten von Parship, Eliteparter etc. nicht ungewöhnliches mehr.

Dennoch ist folgendes erwähnenswert: Ich ging suchend aus einer Singlegruppe raus, weil ich dachte, ich werde da nicht fündig. Meine heute Freundin war da nur, um Kontakte zu finden, nachdem sie zugezogen war. Alles andere entwickelte sich danach. Sie war schön länger auf mich aufmerksam geworden, schrieb mich aber erst an, nachdem ich die Gruppe verlassen hatte.

An dieser Stelle sei deshalb auch dem unbekannten Mitarbeiter einer Sparkassen-Filiale gedankt, der die unschlüssige Frau damals ermutigte, mir zu schreiben. Damit haben sie zwei Menschen glücklich gemacht!

Offener Brief an meine Mutter

Dieses wird eine offene Abrechnung mit meiner Mutter, auch wenn sie diese Zeilen niemals lesen wird.

Als ich ein Kind war, hattest Du es sehr schwer. Als alleinerziehende Mutter in den 70ern und 80ern des vergangenen Jahrhunderts hast Du, unbeachtet der Gründe der Trennung, auch mit der Gesellschaft zu kämpfen. Mir wurde später erzählt, dass Du mich als Kind misshandelt hast. Daran kann ich mich nicht mehr erinnern, erscheint mir aber der Tatsache, dass ich extreme Bindungsängste über viele Jahre hatte, glaubhaft.

Du hast mir Werte beigebracht, die ich heute lebe. Auch die Worte Bitte, Danke und Entschuldigung sind keine Fremdworte für mich. Ich vergesse nicht, wie ich 4 oder 5 war. Du konntest den Strom nicht zahlen, wir saßen im Flur bei Kerzenlicht und Du mir das letzte trockene Brot zu essen gabst, danach war unser Essen alle. Du hast mir in schweren Zeiten beigestanden, z.B. als ich meine Diabetes-Diagnose bekam und erst einmal eine Welt für mich zusammenbrach. Damals sagte ich: „Ab jetzt kümmere ich mich um mich und mein Privatleben.“ Und das tat ich dann auch. Ohne über Leichen zu gehen, aber mich meiner Verantwortung für mich bewusst.

Du hast die Wichtigkeit dieses Vorgehens leider nicht verstanden. Konntest nicht verstehen, dass eine Änderung der Priorität von dir zu mir, die schon Jahre früher hätte stattfinden müssen, nicht gleichzeitig bedeutet, dass Du mir nicht mehr wichtig bist. Das bedeutete lediglich, dass ich mir nicht mehr unwichtig bin.

Auch wenn jetzt sehr viel Negatives passiert ist, bist und bleibst Du meine Mutter. Ich werde dich nicht hassen, aber habe auch keine positiven Gefühle mehr für dich. Ich fand eine Frau und eine Familie, die ich liebe. Doch leider hast Du nicht zu mir gestanden, sondern uns regelrecht bekämpft. Hast dich wie eine betrogene Ehefrau benommen, obwohl ich dein Sohn, nicht dein Mann bin. Meine neue Lebensgefährtin ließ sich nicht von alle dem abschrecken, hat zu mir gehalten, weil ich ihr wichtig bin.

Es wäre ok und legitim gewesen, wenn Du sie nicht gemocht hättest. Schließlich ist sie meine Freundin und nicht deine. Aber von der eigenen Mutter kann ich verdammt noch einmal erwarten, dass sie zumindest respektiert wird als Teil von mir. Du hattest zuletzt genau 2 soziale Kontakte. Mich und meine Oma. Oma ist vor ca. 1 Jahr gestorben im Alter von 93. Der andere war ich. Also vermute ich, dass Du ganz allein in deinem Hass gegen mich lebst.

Mir ist bewusst, dass ich in deinen Augen der Schuldige bin und Du das auch allen erzählst, die dir zuhören. Ob das wirklich deine Meinung ist oder Du dich hier selber belügst, weil es für dich bequemer ist, die Schuld bei mir zu suchen, weiß ich nicht. Letztendlich ist das auch nicht wirklich relevant, da die Personen, die mich kennen, es eh‘ besser wissen.

Gegenüber Oma hast Du immer die Kollektivschuld auf dich genommen. Ich dagegen war immer an allem Schuld. Bevor unser Bruch kam, sagte ich noch in weiser Voraussicht: „Es wird der Tag kommen, an dem wir zerstritten sind, und ich werde der Schuldige für dich sein.“

Von den mehreren tausend Euro, die Du unterschlagen hast, dem Ersparten meines ganzen Lebens, will ich gar nicht anfangen. Das Geld war geplant, um mir ein besseres Leben zu ermöglichen. Das habe ich jetzt auch, obwohl ich arm bin. Leider konnte ich nicht nachweisen, dass es mein Geld war, denn es war Bargeld. Es ist weg.

Auf Twitter habe ich neulich gelesen: „Viele warten auf einen Wendepunkt in ihrem Leben, und dann, wenn er kommt, wenden sie nicht.“ Als er in meinem Leben kam, habe ich gewendet. Mit allen Risiken. Ich habe sehr viel materielles verloren. Aber sehr viel immaterielles gewonnen. Im Nachhinein kann ich sagen: Es hat sich gelohnt, trotz des Verlustes.

Bleibt mir nur, diesen Brief zu schließen und zu hoffen, dass Du Frieden finden und ein neues Leben auf die Beine stellen wirst, wie ich es getan habe. Ich danke dir dafür, dass Du mir das Leben geschenkt hast und mich zu einem guten Menschen erzogen hast. Wir beide werden uns aller Voraussicht nach nie mehr sprechen oder wiedersehen.

Vielleicht muss es so sein.