Patchworkfamilie vs Pubertät

Ich beneide Eltern um das Gefühl, die Schwangerschaft vom ersten bis zum letzten Tag zu erleben. Daran teilzuhaben und den eigenen Neugeborenen in den Händen zu halten, das blieb mir leider verwehrt.

Meine Freundin und ich können keine Kinder bekommen. Es geht aus organischen Gründen nicht. Aber ich bin kein Mensch, der das „Warum“ hinterfragt. Es gibt auf „Warum-Fragen“ auch keine Antworten. Es ist so!

Mein bester Freund Robert und seine Frau Nicole erwarten Zwillinge. Ich gönne ihnen von ganzen Herzen ihr Glück und schaue doch etwas wehmütig in das gestaltete Kinderzimmer, dass nur noch auf die Niederkunft der Zwillinge wartet.

Kindererziehung ist kinderleicht? Sicher nicht. Zugegeben, ich kann da nicht umfassend mitreden, denn ich habe die Geburt, die frühen Jahre der Kinder verpasst. Mit der Beziehung zu meiner jetzigen Freundin bin ich direkt zu einem Teenager gekommen, der noch zu Hause wohnt und gerade in die Pubertät kommt. Dazu kommt noch eine Tochter, die zwar schon auf eigenen Füßen steht, aber noch in der Pubertät ist.

Aber was bedeutet Kindererziehung heutzutage? Es gibt hunderte, tausende an Erziehungsratgebern, die optimale Ernährung, Frühförderung. Jeder, auch kinderlose, reden mit, geben mehr oder weniger gute Ratschläge. Manchmal denke ich, ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung. Ehrlich gesagt, mich würde dieses Überangebot an Ratgebern, ob man sie haben will oder nicht, eher lähmen als beflügeln.

Ich will nicht sagen, dass früher alles besser war. Aber wir sind auch alle groß geworden. Ohne Frühförderung, wo einem erzählt wird, dass jeder Bengel, der das Klavier zerlegt, der neue Mozart ist. Aus den meißten von uns sind vernünftige Menschen geworden, die sich nun selbst der Aufgabe gegenübersehen, ein Kind oder mehrere aufzuziehen. Und das ist eine gewaltige Aufgabe!

Über viele Jahre war ich Single. Mehr oder weniger von Heute auf Morgen wurde ich eine Art Familienvater. Mit einem pubertierenden Kind und zwei Hunden. Ich musste sofort erwachsen werden, was ich aber ganz gut geschafft habe. Und das Gefühl einer Familie möchte ich nie wieder missen.

Was mir manchmal zu schaffen macht, ist die Sprunghaftigkeit der Kinder. Eben noch gut gelaunt. Dann lief irgendeine Sache nicht nach ihrer Nase. Und schon hängt der Haussegen gewaltig schief. Falls ich selber so war, schulde ich meiner Mutter eine Entschuldigung!

Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, wonach sich bei Jugendlichen in der Pubertät die Gehirne neu „verkabeln“. Also heißt es bei dem Satz „Du bist nicht mein Vater“ ruhig zu bleiben. Und für mich bedeutet das, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich das verletzt. Das ich nicht der Vater bin, weiß ich selber. Ich will es auch nicht sein. Lege keinerlei Wert darauf, so genannt zu werden. Was ich sein will, ist die männliche Bezugsperson, die ich als Scheidungskind nicht hatte. Nicht der Vater sein, aber eine Vaterrolle zu übernehmen. Für den Jungen da zu sein, wenn er mich braucht.

Vielleicht kennen das die Leserinnen ja auch, die eine Patchworkfamilie haben. Natürlich ist es schwer, jemand neues in der Familie zu integrieren. Für das Kind ist es schwer, wenn Mutter einen neuen Freund hat. Ich kann auch nachvollziehen, wenn eine Beziehung daran scheitern würde, wenn das Kind den neuen Freund der Mutter nicht akzeptiert. Das Kind geht vor, keine Frage.

Eben aus dem Grunde bin ich froh, dass bei uns alles mehr oder weniger glatt lief. Die Mutter liebt mich, das Kind auch, die Hunde sowieso. Also heißt es, ab und zu über die Zickereien hinwegzusehen und mich daran zu erinnern, dass ich auch mal in der Pubertät war.

 

 

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